Der folgende Beitrag ordnet die europäische Lage des Bevölkerungsschutzes in vier Bereiche ein: Wirtschaft, Verteidigung, Gesellschaft und Klima. 

Die Richtlinie (EU) 2022/2557 über die Resilienz kritischer Einrichtungen verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis zum 17. Januar 2026 eine nationale Resilienzstrategie und eine Risikobewertung vorzulegen und bis zum 17. Juli 2026 die kritischen Einrichtungen zu ermitteln. Die Europäische Kommission hat im März 2025 mit der Preparedness Union Strategy eine gemeinsame Mitteilung vorgelegt; sie benennt 30 Leitmaßnahmen in sieben Handlungsfeldern und legt ausdrücklich einen All-Gefahren-Ansatz zugrunde, der das gesamte Spektrum natürlicher und menschengemachter Risiken abdeckt, ergänzt um einen Whole-of-Society- und einen Whole-of-Government-Ansatz. In Deutschland ist das KRITIS-Dachgesetz am 17. März 2026 in Kraft getreten. 

Zielführende Risikoanalysen entstehen entlang der jeweiligen Zuständigkeit, also nach Sektoren und Nationalstaaten. Der All-Gefahren-Ansatz erfordert allerdings die Beobachtung der gesamten Umwelt. ´Diese Umwelt endet nicht an der Sektor- oder Staatsgrenze. Die vier folgenden Felder sind mein Versuch, diese Umwelt so zu sortieren, dass sich daraus Fragen für die eigene Schutzbedarfsanalyse ableiten lassen.

Zunächst folgender Hinweis: Die Europäische Union hat 27 Mitgliedstaaten, Europa als Kontinent umfasst deutlich mehr. Ein gesamteuropäisch gedachter Bevölkerungsschutz müsste deshalb Entscheidungen einbeziehen, die auch außerhalb der EU-Gremien getroffen und nötigenfalls mitgetragen werden: von Nicht-EU-Staaten, von Transitländern, von Anrainern gemeinsamer Meere und Flusssysteme. Ein Hochwasser an der oberen Donau, ein Störfall an einer Anlage an einer EU-Außengrenze oder ein Ausfall in einem Verbundnetz mit Nicht-EU-Beteiligung ist in seiner Konsequenz grenzüberschreitend zu besprechen. 

Feld 1: Wirtschaft

Für das Jahr 2022 weist die Bundeszentrale für politische Bildung Europa mit 21.414 Milliarden US-Dollar und einem Anteil von 21,4 Prozent am Welt-Bruttoinlandsprodukt aus, hinter Asien mit 35.776 Milliarden (35,7 Prozent) und Nordamerika mit 27.726 Milliarden (27,7 Prozent). 

Der Zusammenhang zum Bevölkerungsschutz ergibt sich somit aus den Fähigkeiten des Haushaltes. Bevorratung, Warninfrastruktur, Übungen - all das erfordert finanzielle Mittel. Wenn Ereignisse wie eine Pandemie oder eine Migrationsbewegung die Haushalte der Mitgliedstaaten unterschiedlich stark belasten - wie belastbar ist dann die Bereitschaft, füreinander einzustehen? Ein wesentlicher Teil der europäischen Hilfeleistung beruht genau darauf.

Auch die Handelsstruktur ist in Bewegung. Das EU-Mercosur-Partnerschaftsabkommen wurde am 17. Januar 2026 unterzeichnet, das begleitende Interimshandelsabkommen wird seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewendet. Gleichzeitig hat das Europäische Parlament ein Gutachten des Europäischen Gerichtshofs zur Vertragskonformität beantragt, das Zustimmungsverfahren ist damit ausgesetzt. Für Betreiber mit Bezugsquellen in dieser Region ist der rechtliche Rahmen damit derzeit nicht endgültig geklärt.

Feld 2: Verteidigung

Das SIPRI Fact Sheet vom April 2026 weist für 2025 weltweite Militärausgaben von 2.887 Milliarden US-Dollar aus, real 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr und 2,5 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts – der höchste Anteil seit 2009. Europa steigerte seine Ausgaben um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar. Deutschland liegt mit 114 Milliarden US-Dollar auf Rang 4 der weltweiten Rangliste, das sind 24 Prozent mehr als 2024 und 118 Prozent mehr als 2016, bei einem Anteil von 2,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Russland kommt auf 190 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 5,9 Prozent gegenüber 2024 und von 96 Prozent gegenüber 2016, bei 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Vereinigten Staaten liegen mit 954 Milliarden US-Dollar weiter an der Spitze, verzeichnen laut SIPRI aber einen Rückgang von 7,5 Prozent.

Die NATO hat derzeit 32 Mitgliedstaaten, zuletzt trat Schweden am 7. März 2024 bei. Im Rahmen der Verteidigung kommen also somit auch Überlegungen hinsichtlich einer leistungsfähigen Infrastruktur sowie der personellen Ausstattung auf. Die zivil-militärische Zusammenarbeit ist damit auch für Betreiber relevant, und zwar bei Zufahrten, Lastannahmen, Energiebezug und der Verfügbarkeit von Personal, das zugleich im Ehrenamt gebunden ist. Die Preparedness Union Strategy führt die zivil-militärische Zusammenarbeit als eines ihrer sieben Handlungsfelder.

Feld 3: Gesellschaft

In diesem Feld geht es um die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft selbst, und zwar gegenüber gezielter Beeinflussung von außen. Zwei Kennzahlen markieren die Spannweite. Das Standard-Eurobarometer 105 vom Frühjahr 2026 – Feldarbeit vom 12. März bis 5. April 2026 – weist aus, dass sich 75 Prozent der Befragten als Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union fühlen; das entspricht dem bisherigen Höchstwert aus dem Frühjahr 2025. Der Flash Eurobarometer des Europäischen Parlaments zur Mediennutzung, erhoben vom 11. bis 18. Juni 2025 unter 26.121 Personen ab 15 Jahren in der EU-27, weist zugleich aus, dass 66 Prozent der Befragten in den sieben Tagen vor der Befragung mindestens gelegentlich auf Falsch- oder Irreführungsinformationen gestoßen sind. Rund 35 Prozent gaben häufig oder sehr häufig an, gegenüber 28 Prozent in der Vorgängererhebung von 2022. 61 Prozent trauen sich zu, Desinformation zu erkennen, etwa drei von zehn tun das nicht.

Für die gezielte Variante dieser Beeinflussung verwendet die EU den Begriff der ausländischen Informationsmanipulation und Einflussnahme, kurz FIMI. Der Europäische Auswärtige Dienst definiert sie als überwiegend nicht illegales Verhaltensmuster, das Werte, Verfahren und politische Prozesse bedroht oder negativ beeinflussen kann, manipulativ angelegt ist und absichtlich sowie koordiniert betrieben wird, durch staatliche wie nichtstaatliche Akteure. Sein vierter Jahresbericht, veröffentlicht im März 2026, dokumentiert 540 FIMI-Vorfälle im Kalenderjahr 2025, an denen rund 10.500 Kanäle beteiligt waren; erfasst wurden etwa 43.000 Inhalte auf 19 Plattformen, 88 Prozent davon auf X. 29 Prozent der Vorfälle ordnet der Bericht Russland zu, 6 Prozent China, 65 Prozent bleiben ohne Zuordnung. Bei 27 Prozent kamen Techniken mit Bezug zu künstlicher Intelligenz zum Einsatz. Deutschland liegt mit 71 Vorfällen auf Rang vier der am häufigsten betroffenen Länder, hinter der Ukraine, Frankreich und Moldau.

Auch das BBK gibt Hinweise auf Desinformation als Gefahr im Rahmen hybrider Bedrohungen: Ihre gezielte und massenhafte Verbreitung sei ein wesentlicher Bestandteil der hybriden Bedrohung, mit der Zukunftsängste erzeugt und Unsicherheiten in der Bevölkerung geschürt werden sollen; eine Spaltung der Gesellschaft werde gezielt angestrebt.

Feld 4: Klima

Die Europäische Umweltagentur hat im März 2024 mit dem European Climate Risk Assessment 36 Klimarisiken für Europa identifiziert und festgestellt, dass viele davon bereits ein kritisches Niveau erreicht haben und ohne entschlossenes Handeln katastrophale Ausmaße annehmen können. Hitze bezeichnet die Agentur als den gravierendsten und dringlichsten klimabedingten Risikotreiber für die menschliche Gesundheit; besonders betroffen sind im Freien Beschäftigte, ältere Menschen und Bewohner schlecht gebauter Wohnungen. Risiken aus Hitze und Dürre für die Pflanzenproduktion liegen in Südeuropa bereits auf kritischem Niveau; für dieselbe Region stellt der Bericht erhebliche Risiken für Energieerzeugung, Energieübertragung und Spitzenlast fest. Europa ist nach Feststellung der Agentur der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Welt; seit den 1980er Jahren lag die Erwärmung auf dem Kontinent etwa beim Doppelten der globalen Rate. Zu bedenken ist hierbei, dass Ereignisse wie Dürre und Ernteausfälle ihrerseits zu klimabedingten Fluchtbewegungen führen können.

Bevölkerungsschutz als Gesamtaufgabe

Die Gemeinsame Forschungsstelle der Kommission berichtete am 12. August 2026, dass kritisch niedrige Flusspegel in Ungarn und Rumänien die Schifffahrt auf der Donau, die Wasserversorgung und die Landwirtschaft beeinträchtigt haben. Niedrige Pegelstände beeinflussen auch die Stromerzeugung, wie die Beeinflussung der Kernkraftwerke in Frankreich. Der Ausfall eines KRITIS-Sektors in einem Nachbarstaat kann über Verbundnetze, Lieferketten und gemeinsame Hilfeleistungssysteme auf andere europäische Staaten durchschlagen, bevor eine jeweilige nationale Lagefeststellung abgeschlossen ist.

Wer eine Schutzbedarfsanalyse nach dem All-Gefahren-Ansatz erstellt, kann sich fragen: Woher kommen unsere kritischen Dienstleistungen, sich daraus ergebende Produkte, und wie stabil ist die jeweilige Handelsbeziehung? Welche unserer Zufahrten und Netzanschlüsse sind zugleich für zivile und militärische Bewegungen relevant? Wovon hängt es ab, dass unsere Warnbotschaften und Informationen im Ereignisfall als ernstzunehmende Nachrichten verstanden werden? Welche unserer Anlagen sind bei einer mehrwöchigen Hitzewelle und daraus resultierenden niedrigen Pegelständen zuerst betroffen?

An Rückmeldungen aus der Praxis sowie einer entsprechende Diskussion bin ich interessiert und freue mich über Ihre Nachricht.

Quellen und weiterführende Literatur

Richtlinie (EU) 2022/2557 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. Dezember 2022 über die Resilienz kritischer Einrichtungen (CER-Richtlinie), Art. 4, 5 und 6.

Europäische Kommission und Hoher Vertreter, Joint Communication on the European Preparedness Union Strategy, JOIN(2025) 130 final, März 2025 (30 key actions in sieben Handlungsfeldern).

Beschluss Nr. 1313/2013/EU über ein Katastrophenschutzverfahren der Union, konsolidierte Fassung vom 1. Januar 2021, Art. 12 und 15.

Durchführungsbeschluss (EU) 2019/570 der Kommission vom 8. April 2019 über die rescEU-Kapazitäten, Art. 2.

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, FAQ zum KRITIS-Dachgesetz, Stand 2026.

Stockholm International Peace Research Institute, Trends in World Military Expenditure, 2025, SIPRI Fact Sheet, April 2026.

NATO, Member countries, Stand 2026.

Europäische Kommission, Standard-Eurobarometer 105, Frühjahr 2026, Feldarbeit 12. März bis 5. April 2026.

Europäische Umweltagentur, European Climate Risk Assessment, EEA Report 01/2024, 11. März 2024.

Weltbank, Groundswell Part 2: Acting on Internal Climate Migration, 13. September 2021.

Europäische Kommission, EU-Mercosur Interim Trade Agreement starts to provisionally apply, 30. April 2026.

Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Kommission, Worsening drought and record heat grip Europe, 12. August 2026.

Bundeszentrale für politische Bildung, Welt-Bruttoinlandsprodukt nach Regionen, Bezugsjahr 2022, Stand 10. Februar 2024.