Auf der FeuerTrutz 2026 hat eine Paneldiskussion des Deutschen Instituts für vorbeugenden Brandschutz (DIvB) den Handlungsbedarf beim Brandschutz kritischer Infrastrukturen benannt. Für KRITIS-Gebäude reichen die klassischen Schutzziele nicht mehr aus, Kaskadeneffekte und Lieferketten müssen mitgedacht werden, und es fehlt an bundesweit einheitlichen Standards. Eine Einordnung der zentralen Ergebnisse.
Wie sicher sind Gebäude, die für die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen unverzichtbar sind? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Paneldiskussion des Deutschen Instituts für vorbeugenden Brandschutz e. V. (DIvB) auf der FeuerTrutz 2026 in Nürnberg. Unter der Moderation von DIvB-Geschäftsführer Axel Haas diskutierten Dr. Hans-Walter Borries, Nico Stockmann und Silvio Buchholz über neue Bedrohungslagen, regulatorische Lücken und den wachsenden Bedarf an resilienten Sicherheits- und Brandschutzkonzepten.
Funktionsfähigkeit als zusätzliches Schutzziel
Im Fokus stand die Erkenntnis, dass klassische Brandschutzanforderungen für viele KRITIS-Gebäude nicht mehr ausreichen. Die Landesbauordnungen sind vor allem auf die Rettung von Menschen und Tieren, die Verhinderung der Brandausbreitung sowie wirksame Löscharbeiten ausgerichtet. Bei kritischen Infrastrukturen rückt ein weiteres Schutzziel in den Mittelpunkt: die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit. „Gebäude mit erhöhtem Resilienzbedarf werden in den heutigen Schutzzielen noch nicht ausreichend abgebildet“, betonte Brandschutzsachverständiger Nico Stockmann. Gerade Einrichtungen der Daseinsvorsorge müssten künftig anders bewertet werden – auch mit Blick auf Szenarien wie Sabotage, Brandstiftung oder gezielte Angriffe, die die Regelbemessung nicht vorsieht.
Kaskadeneffekte und veränderte Bedrohungslage
Dr. Hans-Walter Borries verwies auf die zunehmende Komplexität kritischer Infrastrukturen. Energie, Wasser, Transport und IT seien besonders eng miteinander verflochten; Störungen in einem Sektor könnten kaskadierende Auswirkungen auf andere Bereiche haben. Zusätzlich habe sich die sicherheitspolitische Lage seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine grundlegend verändert. Deutschland müsse sich stärker auf Naturgefahren, hybride Bedrohungen, Sabotage und Angriffe auf verwundbare Infrastrukturen einstellen.
Der ganzheitliche Blick fehlt
Aus der Praxis unterstrich Silvio Buchholz, dass viele Betreiber derzeit vor der Frage stehen, wie gesetzliche Schutzziele konkret umzusetzen sind. „Viele Kunden haben noch nicht den ganzheitlichen Blick“, so Buchholz. Es reiche nicht, nur das Gebäude oder nur einzelne Prozesse zu betrachten; bauliche, technische, organisatorische und prozessuale Abhängigkeiten müssten gemeinsam analysiert werden. Ein Notfallkonzept mit Lücken sei am Ende kein funktionierendes Notfallkonzept.
Einheitliche Standards für KRITIS-Gebäude
Ein zentrales Ergebnis der Diskussion war die Forderung nach klareren, einheitlichen und praxistauglichen Rahmenbedingungen. Diskutiert wurde unter anderem die Idee einer Sonderbauverordnung für KRITIS-Gebäude beziehungsweise eines verbindlichen Mindeststandards, der bundesweit vergleichbare Anforderungen schafft. Zugleich müsse verhindert werden, dass starre Standardlösungen individuelle Risiken und Prozesse unzureichend abbilden. „KRITIS darf nicht in jedem Bundesland anders gedacht werden“, sagte Stockmann; gesamtstaatliche Resilienz setze voraus, dass wesentliche Anforderungen nicht durch föderale Unterschiede verwässert würden. Axel Haas ergänzte, dass ein strukturierter Bewertungsansatz Planern, Prüfsachverständigen und Behörden helfen könne, KRITIS-Projekte schneller und nachvollziehbarer zu bewerten.
Lieferketten als Teil der Resilienz
Neben baulichen Anforderungen rückten die Lieferketten in den Fokus. Krankenhäuser, Energieversorger und Rechenzentren sind von externen Dienstleistern, Zulieferern und ausgelagerten Prozessen abhängig. Fällt ein zentraler Dienstleister aus, kann dies die Funktionsfähigkeit der kritischen Einrichtung selbst gefährden. Die Resilienz von Lieferketten müsse daher stärker mitgedacht und gesetzlich besser verankert werden.
Das DIvB kündigte an, die aufgegriffenen Themen in seiner Arbeitsgruppe „KRITIS und Brandschutz“ weiter zu vertiefen, fachliche Positionen zu entwickeln und Impulse in Richtung Politik, Verwaltung und Praxis zu geben; interessierte Fachleute sind eingeladen, sich einzubringen. „Wir brauchen ein Umdenken: Sicherheit und Resilienz sind Daueraufgaben“, fasste Dr. Borries zusammen. Ohne staatliche Unterstützung und ohne konsequente Umsetzung in der Praxis blieben selbst die besten Konzepte reine Theorie.
Quellen und weiterführende Informationen
Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen e. V. (BSKI).
